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wobei sie übrigens der Schwester die Hauptschuld zumaß. 'Meiner Meinung nach', so
hieß es regelmäßig, wenn dies Thema zur Sprache kam, 'ist der ganze Briefwechsel
überhaupt überflüssig; wenn er aber stattfinden soll, so möcht ich wohl, daß er einen
andern Inhalt hätte. Du wirst ihn noch ganz zu dir hinüberziehen, in jene gesellschaftliche
Sphäre, darin du dich leider wohl und immer wohler fühlst. Du willst nicht einsehen, daß
die Welt, die du leichtfertig und hochmütig, und bloß um dich zu m okieren, als die
christlich-germanische bezeichnest, daß diese Welt mehr bedeutet als ein halbes
Dutzend Gersons - denn so viele werden es doch wohl nachgerade sein. Es kommt auf
das innerliche Leben an, nicht auf das äußerliche: die Äpfel mi t der schönen Schale sind
meist wurmstichig.'
'Und die grauen Reinetten überdauern den ganzen Winter.'
Therese zuckte die Achseln und brach ab, nahm auch nicht Veranlassung, darauf
zurückzukommen, und zwar um so weniger, als sich das, was ihr die Mama in dieser
Streitsache begütigend gesagt hatte, sehr bald erfüllen sollte. 'Laß doch die beiden', so
etwa waren die Worte der Majorin bei jener Gelegenheit gewesen, 'du solltest doch Leo
kennen und wissen, wie wenig das alles auf sich hat. Heute will er das u nd morgen das.
Ehe drei Wochen um sind, hört die Schreiberei zwischen ihnen von selbst auf.' Und so
kam es auch. Leo schloß sich, noch ehe der Januar zu Ende ging, einem katholischen
Geistlichen an, der Dogmenstrenge mit Skat und Fidelität glücklich zu vereinigen wußte,
welche neue Bekanntschaft denn auch sofort verhängnisvoll für die weitere Erörterung der
Esther- und Flora-Frage wurde. Sie starb sehr bald ab.
Ja, die Korrespondenz nach Thorn hin erlosch rasch, aber die zwischen So phie und
Manon setzte sich fort, und keine Woche verging, ohne daß ein Brief a us Adamsdorf
eingetroffen wäre, meistens gleichzeitig mit einer sorglich gepackten Kiste, deren
Eintreffen Friederike, wenn sie sie öffnete, jedesmal mit derselben Rede begleitete:
'Wieder frische Eier und alle eingewickelt und in Häcksel. Ja, das laß ich mir gefallen,
gnädge Frau. Denn erstens kriegt man keine frischen, wenn es auch draufsteht, und
zweitens sind Eier doch immer besser, als was eben erst geschlachtet is. Ente geht noch,
weil Ente fett ist; aber schon bei Hühnern fängt es an, und ist es gar Kalb, dann hat es
immer einen Stich ... Un ich werde auch gleich eins kochen, gnädg e Frau; Sie müssen
sich auch mal was gönnen. Es ist wahr, Sie haben ja die Bonbons, aber das gibt keine
Kraft un is bloß von wegen den Husten.'
Sophiens Briefe teilten sich, der Zeit nach, in solche, die sich mit ihrer fortschreitenden
Genesung und, als diese schließlich da war, mit ihrer malerischen Tätigkeit beschäftigten.
Diese Briefe zu lesen war immer ein Vergnügen, und einzelne davon nah m Manon sogar
mit zu Bartensteins, um sie da zum besten zu geben, aber freilich meist nur, wenn der Alte
zugegen war, der so was gern hörte, während die Damen eigentlich nur aus Artigkeit
folgten. Flora (vielleicht weil sie wegen eines geplanten Ausfluges nach Olympia gerade
Neugriechisch lernte) hatte eine Neigung, alles 'unbedeutend' zu finden, was Manon, so
verliebt sie in die Freundin war, doch bestimmte, mit ihren Mitteilungen schließlich etwas
zurückhaltender zu sein.
In einem dieser Briefe hieß es: 'Ich bin jetzt bei der Sündflut, die ja, wenn man will,
auch ins Landschaftliche fällt. Wasser ist doch auch Gegend, und Gege nd ist Landschaft.
Und was denkt Ihr nun wohl, wie meine Sündflut aussieht? Ganz anders wie andre, was
ich, ohne unbescheiden zu sein, sagen darf, weil die Idee nicht von mir, sondern von
Onkel Eberhard herrührt. Und auch eigentlich nicht von ihm, wie Ihr gleich hören werdet.
Als ich mich nämlich vorige Woche beim Tee dahin äußerte, daß ich jetzt an die Sündflut
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