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Generalsuperintendent Schwarz, der die Familie liebte, war am Abend des
Konfirmationstages in die Poggenpuhlsche Wohnung gekommen und hatte hier die in
Gegenwart einiger alter Kameraden und Freunde stattfindende Broschenüberreichung fast
zu einer kirchlichen Zeremonie, jedenfalls aber zu einer Feier erhoben, die sogar dem
etwas groben und gegen die 'Adelspackage' stark eingenommenen Port ier Nebelung
imponiert und ihn, wenn auch nicht geradezu bekehrt, so doch den wohlwol lenden
Gesinnungen seines Haus- und Brotherrn Nottebohm um etwas näher gefü hrt hatte.
Wie sich von selbst versteht, war auch die Poggenpuhlsche Wohnungseinric htung ein
Ausdruck der Verhältnisse, darin die Familie nun mal lebte; von Plüschmöbeln existierte
nichts und von Teppichen nur ein kleiner Schmiedeberger, der mit schwarzen, etwas
ausgefusselten Wollfransen vor dem Sofa der zunächst am Korridor gele genen und schon
deshalb als Empfangssalon dienenden 'guten Stube' lag. Entsprechend diesem Teppiche
waren auch die schmalen, hier und dort gestopften Gardinen; alles aber war sehr sauber
und ordentlich gehalten, und ein mutmaßlich aus einem alten märkischen Herrenhause
herstammender, ganz vor kurzem erst auf einer Auktion erstandener, weißlackierter
Pfeilerspiegel mit eingelegter Goldleiste lieh der ärmlichen Einrichtung trotz ihres
Zusammengesuchtseins oder vielleicht auch um dessen willen etwas von einer
erlöschenden, aber doch immerhin mal dagewesenen Feudalität.
Über dem Sofa derselben 'guten Stube' hing ein großes Ölbildnis (Kniestück) des
Rittmeisters von Poggenpuhl vom Sohrschen Husarenregiment, der 1813 bei
Großgörschen ein Carré gesprengt und dafür den Pour le mérite erhalten hatte - der
einzige Poggenpuhl, der je in der Kavallerie gestanden. Das halb wohlwol lende, halb
martialische Gesicht des Rittmeisters sah auf eine flache Glasschale hernieder, drin im
Sommer Aurikeln und ein Vergißmeinnichtkranz, im Winter Visitenkarten zu liegen
pflegten. An der andern Wand aber, genau dem Rittmeister gegenüber, stand ein
Schreibtisch mit einem kleinen erhöhten Mittelbau, drauf, um bei Besuchen eine Art
Gastlichkeit üben zu können, eine halbe Flasche Kapwein mit Liqueu rgläschen thronte,
beides, Flasche wie Gläschen, auf einem goldgeränderten Teller, der beständig klapperte.
Neben dieser 'guten Stube' lag die einfensterige Wohnstube, daran sich nach hinten zu
das sogenannte 'Berliner Zimmer' anschloß, ein bloßer Durchgang, wenn auch im übrigen
geräumig, an dessen Längswand drei Betten standen, nur drei, trotzdem es eine
viergliedrige Familie war. Die vierte Lagerstätte, von mehr ambulantem Charakter, war ein
mit Rohr überflochtenes Sofagestell, drauf sich, wochenweis wechselnd, eine der zwei
jüngeren Schwestern einzurichten hatte.
Hinter diesem 'Berliner Saal' (Nottebohm selbst hatte den Grundriß dazu entworfen) lag
die Küche mitsamt dem Hängeboden. Hier hauste das alte Dienstmä dchen Friederike,
eine treue Seele, die noch den gnädigen Herrn gekannt und als Vertraute der Frau Majorin
alles Glück und Unglück des Hauses und zuletzt auch die Übersie delung von Stargard
nach Berlin mit durchgemacht hatte.
So wohnten die Poggenpuhls und gaben der Welt den Beweis, daß man auc h in ganz
kleinen Verhältnissen, wenn man nur die rechte Gesinnung und dann fre ilich auch die
nötige Geschicklichkeit mitbringe, zufrieden und beinahe standesgemä ß leben könne, was
selbst von Portier Nebelung, allerdings unter Kopfschütteln und mit einigem Widerstreben,
zugegeben wurde. Sämtliche Poggenpuhls - die Mutter freilich weniger - besaßen die
schöne Gabe, nie zu klagen, waren lebensklug und rechneten gut, ohne daß sich bei
diesem Rechnen etwas störend Berechnendes gezeigt hätte.
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