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Die Poggenpuhls
Erstes Kapitel
Die Poggenpuhls - eine Frau Majorin von Poggenpuhl mit ihren drei Töc htern Therese,
Sophie und Manon - wohnten seit ihrer vor sieben Jahren erfolgten Übe rsiedelung von
Pommersch-Stargard nach Berlin in einem gerade um jene Zeit fertig gewordenen, also
noch ziemlich mauerfeuchten Neubau der Großgörschenstraße, einem Eckhause, das
einem braven und behäbigen Manne, dem ehemaligen Maurerpolier, jetzigen Rentier
August Nottebohm gehörte. Diese Großgörschenstraßen-Wohnung war seitens der
Poggenpuhlschen Familie nicht zum wenigsten um des kriegsgeschichtlichen Namens der
Straße, zugleich aber auch um der sogenannten 'wundervollen Aussicht' willen gewählt
worden, die von den Vorderfenstern aus auf die Grabdenkmäler und Erdbegräbnisse des
Matthäikirchhofs, von den Hinterfenstern aus auf einige zur Kulmstraß e gehörige
Rückfronten ging, an deren einer man, in abwechselnd roten und blauen
Riesenbuchstaben, die Worte 'Schulzes Bonbonfabrik' lesen konnte. Möglich, ja sogar
wahrscheinlich, daß nicht jedem mit dieser eigentümlichen Doppelaussicht gedient
gewesen wäre; der Frau von Poggenpuhl aber, einer geborenen Pütter - aus einer
angesehenen, aber armen Predigerfamilie stammend -, paßte jede der beiden Aussichten
gleich gut, die Frontaussicht, weil die etwas sentimental angelegte Dame gern vom
Sterben sprach, die Rückfrontaussicht auf die Kulmstraße aber, weil sie beständig an
Husten litt und aller Sparsamkeit ungeachtet zu gutem Teile von Gerstenb onbons und
Brustkaramellen lebte. Jedesmal, wenn Besuch kam, wurde denn auch von den großen
Vorzügen dieser Wohnung gesprochen, deren einzi
Billigkeit und in der vor mehreren Jahren schon durch Rentier Nottebohm gemachten
Zusicherung bestand, daß die Frau Majorin nie gesteigert werden würde. 'Nein, Frau
Majorin', so etwa hatte sich Nottebohm damals geäußert, 'was dieses angeht, so können
Frau Majorin ganz ruhig sein und die Fräuleins auch. Gott, wenn ich s o alles bedenke ...
verzeihen Frau Majorin, das Manonchen war ja noch ein Quack, als Sie dam als, zu
Michaeli, hier einzogen..., un als Sie dann Neujahr runterkamen und die erste Miete
brachten und alles noch leer stand von wegen der nassen Wände, was aber ein Unsinn is,
da sagte ich zu meiner Frau, denn wir hatten es damals noch nich: Line, sagte ich, das is
Handgeld und bringt uns Glück. Und hat auch wirklich. Denn von dasselbe Vierteljahr an
war nie was leer, un immer reputierliche Leute - das muß ich sagen .. . Und dann, Frau
Majorin, wie werd ich denn grade bei Ihnen mit so was anfangen ... ich m eine mit das
Steigern. Ich war ja doch auch mit dabei; Donnerwetter, es war eine ganz verfluchte
Geschichte. Hier sitzt mir noch die Kugel; aber der Doktor sagt: sie wü rde schon mal
rausfallen und dann hätt ich ein Andenken.' Und damit schloß No ttebohm eine Rede, wie
er sie länger nie gehalten und wie sie die gute Frau Majorin nie freu ndlicheren Ohres
gehört hatte. Das mit dem 'Dabeigewesensein' aber bezog sich auf Gravelotte, wo Major
von Poggenpuhl, spät gegen Abend, als die pommersche Division heranka m, an der
Spitze seines Bataillons, in dem auch Nottebohm stand, ehrenvoll gefallen war. Er, der
Major, hinterließ nichts als einen guten alten Namen und drei blanke Krönungstaler, die
man in seinem Portemonnaie fand und später seiner Witwe behändigte. Diese drei
Krönungstaler waren, wie das Erbe der Familie, so selbstverständlich auch der Stolz
derselben, und als sechzehn Jahre später die erst etliche Monate nach dem Tode des
Vaters geborene jüngste Tochter Manon konfirmiert werden sollte, waren aus den drei
Krönungstalern - die bis dahin zu konservieren keine Kleinigkeit gewesen war - drei
Broschen angefertigt und an die drei Töchter zur Erinnerung an diesen Einsegnungstag
überreicht worden. Alles unter geistlicher Mitwirkung und Beihilfe. Denn
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